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Pölven Trail – 3. Etappe der Tour de Tirol

Pölven Trail – Gehen ist keine Schande!

Mit den sehr profilierten Laufstrecken des Tegernsee Triathlon als auch des Trans Vorarlberg Triathlon schnupperte ich diese Saison bereits etwas Trail Running Luft. Das Laufen fernab von Asphalt auf minimalistischen sowie lauftechnisch anspruchvollen Pfaden machte nicht nur Spaß, sondern weckte in mir ein Gefühl des ursprünglichen sowie natürlichen Erlebens von Landschaft. Ein intensive Verbinden von Lauf und Naturerlebnis hoffte ich bei einem der schönsten Trails in Österreich zu finden: Beim Pölven Trail in Tirol.

Der Pölven Trail ist etwas länger als ein Halbmarathon und führt rund um den Pölvenstock gegenüber des Wilden Kaisers. Mit der Besonderheit, daß tatsächlich nur ca. 2k über Asphalt gelaufen werden!

Tour de Tirol – 3 Tage – 75 Kilometer – 3.500hm

Der Pölven Trail wird im Rahmen der Tour de Tirol ausgetragen. Freitags beginnt das Etappenrennen mit dem Söller Zehner über 10 Kilometer und 106 Höhenmeter. Am Samstag folgt die Königsetappe mit dem Kaisermarathon über 42 Kilometer und 2.435 Höhenmeter mit Ziel auf der Hohen Salve (1.828 hm). Und zum Abschluss steht am Sonntag der Pölven Trail mit knappen 24 Kilometern und 1.240 Höhenmeter auf dem Plan.

Das sind die Eckdaten, die auf die Gesamt-Teilnehmer der Tour de Tirol warten. Für mich sollte es zum persönlichen Trail Running Auftakt mit dem Pölven Trail getan sein. Alles andere wäre in Anbetracht meines Trainings nicht wirklich sinnvoll gewesen. Ich war sowieso gespannt und mein Respekt vor dieser Herausforderung entsprechend hoch!

Pölven Trail Streckenführung - Quelle http://www.tourdetirol.com
Pölven Trail Streckenführung – Quelle http://www.tourdetirol.com

Wenn man sich die Strecke und vor allem das Höhenprofil genauer ansieht, kann man gut erkennen, daß das Rennen bei Kilometer 10 erst so richtig anfängt. Die Höhenmeter bis dahin sind also nur zum Aufwärmen gedacht.

Pölven Trail Höhenprofil - Quelle http://www.tourdetirol.com
Pölven Trail Höhenprofil – Quelle http://www.tourdetirol.com

Wie stark beinflussen die Höhenmeter meine Pace? Wie würden sich Downhill Trail Running Kilometer gegen Ende des Laufs in meinen müden Oberschenkeln anfühlen? Würde ich die nötige Trittsicherheit über mehrere Stunden aufrecht halten können?

Alles Fragen, auf die ich Antworten erhalten werden… 😉

Start.

Die Haupstrasse unterhalb des Dorfzentrum der Gemeinde Söll war Start und Ziel des Pölven Trail und noch vom Kaisermarathon vom Vortag vollständig gesperrt als ich meine Startnummer abholte. Es war Sonntagmorgen gegen halb acht und es hatte bei ca. 7 Grad gerade angefangen zu nieseln. Definitiv ein Wetter, um besser im Bett liegen zu bleiben. Vielleicht waren die Straßen auch deshalb noch menschenleer. Dies änderte sich eine Stunde später schlagartig. Aus allen Winkeln des Örtchens strömten Trail Runner in Iher Wettkampfkleidung. Zugegeben, ich kam mir etwas “under-equiped” vor. So völlig ohne Salomon Trinkrucksack und Kompressionsstrümpfe …

Pölven Trail - Start in Söll
Pölven Trail – Start in Söll

Die Top Favoriten hatten sich in der ersten Startwelle eingereiht, das österreichische Fernsehen war vor Ort, die Wettkampfbesprechung in vollem Gange und Nervosität knisterte in der Luft. Pünktlich um 9 Uhr fiel der Startschuß und die ersten ca. 100 Athleten gingen auf den Pölven Trail.

Ich sah mir den Start der Profis von der Absperrung aus an und begab mich im Anschluss selbst in den Startblock. Es hatte aufgehört zu regnen und die Athleten drängten in Richtung Startbogen. Um 09:05 fiel erneut ein Startschuß und mit mir gingen ca. 200 Athleten der zweiten Startwelle auf die Strecke.

Kilometer 0 – 2.

Die Strecke führte direkt aus der Ortschaft Söll heraus und bereits nach wenigen hundert Metern in den ersten Anstieg hinein. Dort endete auch der Asphalt und Schotterweg begann. Das Tempo war gemäßigt und ich lief sofort an die Spitze der zweiten Startwelle, um für den ersten Trail-Abschnitt genügend Platz zu haben. Auf den anspruchsvollen Single Trail Abschnitten ist ein Überholmanöver nur schwer durchführbar. Vor allem merkte ich schnell, daß ausreichend Abstand zum Vordermann einzuhalten ist, um den Untergrund ausreichend sehen und entsprechend agieren zu können.

Mein Puls erhöhte sich rasch und ich versuchte entsprechend Tempo rauszunehmen. Der Trail hatte erst begonnen. Ich konzentrierte mich auf den Untergrund und versuchte meinen Ryhtmus zu finden. Ein hastiger Blick auf meine Suunto Ambit verriet mir, daß ich nach 2 Laufkilometern bereits knappe 160 Höhenmeter bewältigt hatte. Irre!

Kilometer 2 – 4.

Der schmale Trail schlängelte sich am Hang des Waldes entlang. Es ging inzwischen wieder bergab und gefallenes Laub verdeckte Wurzeln und Steine. Um diese potentiellen Stolperfallen zu umgehen,war Aufmerksamkeit gefragt. Mein Reaktionsvermögen sowie Trittsicherheit waren gut und ich fühlte bereits nach wenigen Minuten den FLOW kommen. Ich scannte instinktiv den vor mir liegenden Trail in Sekundenbruchteilen, setzte meinen Fuß für den kurzen Bodenkontakt auf und verlagerte direkt das Gewicht, um es für das andere Bein gleich zu tun. Scannen, aufsetzen, Gewicht verlagern, ausgleichen. Alles schien automatisch zu gehen! Ich fühlte mich schnell. Ein erstes Lächeln breitete sich in mir aus! Es fühlte sich gut an!

Kilometer 5.

Das Waldstück endete und ein Steilhang erstreckte sich zur linken Seite. Das Grass war naß und ein völlig aufgeweichter matschiger Pfad führte in steilen Serpentinen nach oben. Die Läufer waren wie Perlen an einer Kette aufgereiht und der Verlauf des Weges war somit sehr gut erkennbar. Ein tolles Bild! Auf dem folgenden Kilometer wurden nun ca. 150 Höhenmeter überwunden und auch in begann zu gehen! Zügig, aber ich ging!

Ich musste über mich lachen! Bereits an den ersten Steigungen des Pölven Trail hatte ich Läufer gehen sehen. “Das passiert mir nicht!” dachte ich da noch. Wie naiv und unerfahren mir dieser Gedanke nur Minuten später erschien! Und ich sah keinen einzigen Läufer auch nur ansatzweise laufen. Jeder ging! Schlicht, weil Laufen aufgrund der Steigung einfach nicht mehr möglich war! Mit raumgreifenden Schritten versuchte ich den Steilhang rasch hinter mir zu lassen und stiefelte mit 165 Herzschlägen pro Minute durch den Morast. Gehen ist beim Trail Running also keine Schande! Erste Lektion gelernt!

Kilometer 5 – 10.

Wundervolle Single Trail Passagen wechselten sich nun auf den folgenden Kilometern mit etwas breiteren Wegen ab und führte die Teilnehmer nördlich um den Großen Pölven (1.595 hm) über die Franzlalm nach Peppau in Richtung Bad Häring. Ich genoß die Wegführung, Natur und die Tatsache hier Laufen zu können. Inzwischen war ich gut auf Betriebstemperatur und öffnete den Reißverschluss meines Funktionsshirts.

Ich hatte Tage vorher über die Wahl meiner Laufkleidung nachgedacht. Glücklicherweise stellte sich meine Entscheidung als ideal heraus. Ich trug eine 3/4 Laufhose, ein Thermo-Unterhemd und langes Funktionsoberteil. Darüber hatte ich noch eine Windweste und leichte Handschuhe angezogen.

Bemerkenswert war auf diesen Kilometern übrigens die Disziplin sowie Rücksicht der Läufer untereinander. Ich hatte den Eindruck jeder kannte seine Leistungsfähigkeit als auch Geschicklichkeit sehr gut und spürte regelrecht, wenn ein schnellerer Athlet überholen wollte. Sofort wurde der Weg kurz freigemacht! Der schneller Läufer ging vorbei und bedankte sich. Es gabe kein Drängeln oder Murren. Wirklich Bemerkenswert!

Kilometer 10 – 16.

Nachdem ich nun einige hundert Meter über eine asphaltierte Brücke gelaufen war, erinnerte ich mich an die Ausschreibung der Strecke. Dies musste die Zufahrt zum Steinbruch von Bad Häring sein. Nur wenige Meter später standen zwei Großmuldenkipper Spalier und gaben den Blick auf die zweite Verpflegungstation frei.

Und damit begann der Aufstieg zum Juffinger Jöchl (1.181m). Auf den kommenden 5 Kilometern sollten ca. 520 Höhenmeter erklommen werden! Der Pölven Trail hatte begonnen!

Pölven Trail - Anstieg zum Juffinger Jöchl
Pölven Trail – Anstieg zum Juffinger Jöchl

Ich spürte meine vordere Oberschenkel- sowie untere Rücken-Muskulatur bereits deutlich und fragte mich erstmals, ob ich den Pölven Trail vielleicht zu schnell angelaufen war. Vor allem kannte ich derartige muskuläre Probleme nicht und schlussfolgerte, daß dies nur vom “Berg laufen” kommen konnte. Ich bin zwar in den vorigen Wochen jede mir erkennbare Steigung in und um München hochgerannt, doch ist das kein Vergleich! Ich war inzwischen auf derartig steilen und matschigen Terrain unterwegs, daß ich teilweise auf allen Vieren nach oben klettern musste. Ohne das grobstollige Profil meines Salomon SLab wäre dieser Untergrund nicht zu bewältigen gewesen!

Kilometer 16 – 20k.

Es begann wieder zur regnen und durch die zunehmende Höhe sank die Temperatur spürbar. Mich fröstelte. Der Anstieg auf das Juffinger Jöchl zog sich in die Länge. Hinter jeden Kuppe hoffte ich auf den Gipfel. Und dann endlich. Die letzten Meter auf den höchsten Punkt des Pölven Trail rannte ich durch knöchelhohes Grass und konnte bereits durch das Dickicht das Gipfelkreuz sehen. Anfeuerungsrufe waren zu hören. Tatsächlich, es begrüßten eine Handvoll begeisterter Wanderer die inzwischen abgekämpften Athleten auf dem Juffinger Jöchl. Das gab nach all den vorigen einsamen Momenten wieder Motivation! Zusätzlich belohnte mich ein grandioser Blick in das nebelverhangene Tal sowie die schneebedeckten umliegenden Berge. Ich blieb stehen! Nur einige Sekunden. Und begab mich in den Abstieg.

Das Rennen war inzwischen ziemlich genau zwei Stunden, knappe 17 Kilometer und zwei verbrauchte Gels alt. Meine Trittsicherheit leidete im extrem steilen Downhill aufgrund meiner müden Muskulatur und ich versuchte eine gute Mischung als Trittsicherheit und Muskelschmerz zu finden. Dabei kam mir das erhöhte Verletztungsrisiko in den Sinn und ich ermahnte ich mich zur Vernunft. Direkt nach diesen Gedanken enstand ein erstaunlicher Flow und ich flog förmlich den Trail hinunter. Zumindest fühlte es sich so an 😉

Kilometer 20 – 23,96.

Das Ziel war laut Kilometerangabe meiner GPS-Uhr nicht mehr weit. Nach dem erfolgreichen Abstieg vom Juffinger Jöchls mündete der Trail in einige hundert Meter asphaltierte Strasse. Ich konnte die Tiroler Gemeinde Söll bereits im Talkessel liegen sehen. Jedoch führte die Strasse auf einen Wiesenweg erneut links in den Wald hinauf und eröffnete den Blick auf einen steil in den Wald hinein laufenden Trail. Aua.

Grundlegend ein wundervoller Trail Abschnitt. Doch für mich zu diesem Zeitpunkt eine Entäuschung. Aufgrund meiner Streckenunkenntnis bzw. Zielerwartung und nur noch begrenzten Kraft sollten diese zwei Kilometer die schwersten des ganzen Pölven Trail sein! Ich sehnte mir das Ziel herbei und irgendwie schaffte ich diese letzte anspruchsvolle Trailpassage hinter mir zu lassen. Erleichterung machte sich breit, als ich endlich wieder Söller Asphalt unter meinen Füßen hatte. Zuschauer standen Spalier und die letzten Meter meines ersten Trail Runs standen mir bevor!

Ziel.

Ein grandioses Abenteuer ging nach 2 Stunden 39 Minuten und 15 Sekunden zu Ende! Als 76. Teilnehmer beendete ich den Pölven Trail 2017 in Söll in Tirol und wurde damit 15. meiner Altersklasse. Über die Aufzeichnung meiner Suunto Ambit ist die Streckenführung sowie Pace und weitere Details dieses Tail Running Experiments recht gut nachvollziehbar. Es war grandios! Ich war der Natur und mir selbst so nah … unbeschreiblich!

Die Siegzeit des Pölven Trail belief sich übrigens auf unter zwei Stunden! Wobei der Bulgare Mustafa Shaban am Vortag auch den Kaisermarathon als Dritter beendet hatte. Unglaublich!

Gesamtsieger der Tour de Tirol 2017 wurde bei den Männern der Schweizer Patrick Wieser mit einer Endzeit von 6 Stunden 6 Minuten und 9 Sekunden. Bei den Frauen siegte Michelle Meier aus Deutschland souverän 6 Stunden 39 Minuten und 17 Sekunden. Alle Details und Einzelzeiten der 540 Teilnehmer gibt es bei my.raceresult.

Folgendes Video aus dem Jahre 2014 zeigt die Landschaft als auch die einzelnen Etappen der Tour de Tirol sehr schön und vermittelt einen guten Eindruck dieses tollen Events:

Und nicht vergessen: Gehen ist keine Schande 😉

Pölven Trail

Typ: Trail Run

Distanz: ca. 24 k

Datum: 08. Oktober 2017

Nenngeld: 39 €

Laufstrecke:

eine große Runde um den Pölvenstock, ca. 80% Single-Trails, 15% Waldwege und ca. 5% geteerte Strasse, ca. 1.240 hm

Organisation
75%
Strecke
90%
Publikum
80%
Erlebnis
90%
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